Vorsätze oder Motto? Imperativ!

Vorsätze oder Motto? Imperativ!

Vor kurzem las ich den Neujahrsgruß einer amerikanischen Illustratorin, Kelcey Ervick, die ich sehr schätze. Sie schrieb, dass sie seit 13 Jahren jedes Jahr zu Beginn des Jahres einen Imperativ festlegt, der für sie das ganze Jahr über als Richtschnur und Ansporn dienen soll. Kein Motto, keine guten Vorsätze, sondern ein Imperativ. 2019 war es „Think bigger!“, 2014 „Be mindful“ und nun, 2026, ist es etwas anders mit „The big project era“ – aber immer noch als Herausforderung an sich selbst gedacht. Nicht als Zwang, sondern eher wie ein Trainer beim Biathlon, der am Rand der Loipe steht und seine Athlet:innen anfeuert, ihr Bestes zu geben. Ein Ansporn also, ein ans Durchhalten gerichteter Appell. Der Imperativ entsteht dabei immer aus dem heraus, wie sie sich fühlt, was sie glaubt, zu brauchen.

In dem Moment, als ich ihren Text las, kam mir prompt ein Wort in den Kopf: Kämpfe! Ganz ohne langes Nachdenken – es blitzte einfach auf.
Kämpfe! Das klingt vielleicht ein wenig pathetisch oder aggressiv, ist aber vielmehr im Sinne von Selbstfürsorge gemeint: sich selbst ernst zu nehmen, für sich einzustehen, genauso wie man es für jemand anderen tun würde.

In der deutschen Grammatik wird auch oft von der „Befehlsform“ gesprochen. Mag sein. Ich verstehe es eher als Aufforderung, als ein mit einer gewissen Dringlichkeit gemeinter Rat oder schlicht: als einen freundlichen Tritt in den Hintern.

In den letzten Jahren habe ich mir oft gedacht: „Halte durch, alles wird gut“, wenn etwas nicht so funktionierte, wie ich es mir vorgestellt hatte, wenn Anstrengungen scheiterten, wenn das Geld viel zu früh knapp wurde. Aber „durchhalten“ klingt eher danach, als würde man sich ducken, sich ins Kaninchenloch zurückziehen und abwarten. Das geht nicht. Oder kannst du dir eine Franziska Preuß oder einen Johannes Thingnes Bø vorstellen, die in gemäßigtem Tempo auf der Strecke denken: „Ach ja, das wird sich schon irgendwie regeln“? Nein, sicher nicht. Denn das reicht nicht. Nicht für sie. Und nicht für mich.

Es gibt ein berühmtes Gemälde von Delacroix’, Die Freiheit führt das Volk.
"Ohje, es wird schon wieder pathetisch!“, denkst du vielleicht, oder: „Nun zettelt sie eine Revolution auf Gotland an!“ Nein, ganz sicher nicht. Aber manchmal schöpft man Energie, Mut und Kraft aus einem Bild. Plötzlich taucht ein Bild genau zum richtigen Zeitpunkt auf. Zehn Jahre lang hängt es an der Wand, ist nichts anderes als eine bloße Kombination aus Farbe und Material – doch auf einmal spricht es zu dir, wird zu einem Abbild, einer Fotografie deiner Empfindungen. Ob van Goghs Sonnenblumen oder Munchs Der Schrei – plötzlich trifft es dich im Innersten, spricht dir aus der Seele, stellt sich an deine Seite wie ein Verbündeter.

Ich habe Delacroix’ Gemälde nicht an der Wand hängen. Nicht einmal einen Nachdruck davon. Aber ich erinnerte mich jetzt an die kraftvolle Figur der Freiheit in dem Bild. Nun geht es hier nicht um Freiheit an sich, und ich bin auch keine Heldin, die voller Mut voranschreitet. Vielmehr ist es ihr Ausdruck, ihre Entschlossenheit, der feste Wille, der von ihr ausgeht. Genau jetzt spricht mich diese entschlossene Figur an. Die Figur ist der Imperativ selbst, der mich anführen, mich leiten soll.

Es gibt noch ein zweites Gemälde, das ich vor Jahren im Museum in Manchester sah und von dem ich eine Postkarte kaufte und zuhause aufhing: "In Manus Tuas Domine" von Briton Riviere. 
Auch dieses Bild strotzt eigentlich voller Pathos und der religiöse Gehalt liegt mir völlig fern. Dennoch fasziniert mich die Figur. Auch hier ist es diese unbedingte Entschlossenheit, die mich berührt. Das Pferd scheut, es weicht zurück, doch der Reiter will unerschrocken in die Finsternis, die vor ihm liegt. „Voran!“ könnte die Aufforderung lauten, sein Imperativ, den er dem Pferd zuruft.

Heute würde man vielleicht sagen, er sei fest entschlossen seine Komfortzone zu verlassen. Aber es ist nicht nur das Verlassen der eigenen sicheren Zone, sondern es ist der Wille, das, was außerhalb der Komfortzone liegt, auch zu erreichen.

„Wir können nicht zu dem werden, was wir sein möchten, indem wir bleiben, wer wir sind.“

Das Zitat stammt von dem amerikanischen Unternehmer Max DePree. Es geht in dieselbe Richtung. Nur passiert die Veränderung weder von selbst noch durch stoisches Durchhalten wie ich feststellen musste. Und auch nicht durch vorsichtiges Versuchen oder theoretisches Durchdenken. 

Vermutlich deshalb schleuderte mir mein Unterbewusstsein den Ausruf „Kämpfe!“ entgegen. Ein Wink mit dem Zaunpfahl, meine bisherige Vorgehensweise deutlich zu ändern.
Für mich selbst entschlossen und vehement zu kämpfen, lag bisher außerhalb meiner Komfortzone.


Vielleicht deshalb geriet meine eigene Figur der Voranschreitenden weit weniger kraftvoll als Delacroix’ Original. Ich versuchte seine starke, kampfbereite Frauenfigur in eine eigene Skizze zu überführen. Es wurde jedoch eher eine Nachahmende, die noch nicht recht weiß, was Arme und Beine tun und anatomische Probleme mit den Händen hat.
Egal, vielleicht fehlen ihr noch Kraft und Entschlossenheit in der Körpersprache. Aber sowohl ich als auch die Skizze stehen mit dem Imperativ erst am Anfang. Ich werde am Ende des Jahres eine zweite Skizze anfertigen. Mal sehen, wie meine Voranschreitende dann gerät.

Der Imperativ Kämpfe! und Delacroix’ Gemälde sind jedenfalls meine Verbündeten, meine Trainer am Rande der Loipe im Jahr 2026.


Zurück zum Blog

Hinterlasse einen Kommentar

Bitte beachte, dass Kommentare vor der Veröffentlichung freigegeben werden müssen.